„Durch meine Hörgeräte bin ich wie befreit.“

Ein Interview mit dem Autor Willi Fährmann

Faehrmann(c)TomFaehrmann.jpg Aus der Geschichte der bundesdeutschen Kinder- und Jugendliteratur ist Willi Fährmann (80) nicht wegzudenken. Seine Romane und Erzählungen erschienen überall auf der Welt und wurden mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt. Seine Bücher erreichen nicht nur Jugendliche, sondern auch viele Erwachsene. Sechs Schulen tragen mittlerweile seinen Namen. Immer noch schreibt er unermüdlich. Und er ist – nicht zuletzt dank seiner modernen Hörsysteme - vielfältig auf Lesungen unterwegs. - Martin Schaarschmidt traf Willi Fährmann in dessen Haus in Xanten und unterhielt sich mit ihm über seinen schriftstellerischen Werdegang, über Literatur für junge Menschen, über die Erinnerungen der Generation 70plus und über Hörgeräte.

Martin Schaarschmidt: Herr Fährmann, Sie wurden 1929 geboren und sind in Duisburg aufgewachsen. Ihr Vater war Schlosser und kam aus Ostpreußen. Ihre Mutter arbeitete vor der Ehe als Hausangestellte. - Sehr einfache Verhältnisse also, in denen einem nicht gerade die Literatur in die Wiege gelegt wird...

Willi Fährmann: Sicherlich nicht. Damals war Literatur in Relation zu den Löhnen ziemlich teuer. Mein Vater, der als Facharbeiter in der Brauerei König arbeitete, verdiente eine Reichsmark pro Stunde. Meine Mutter nähte nebenbei. Wir wohnten in einem Vorort von Duisburg. Zum Spielen ging es auf die Straße. Zu Hause gab es nur wenige Bücher. Wir litten keinen Hunger – jedenfalls nicht vor dem Krieg. Aber es war ein sehr beschränktes Leben, das mich wie viele andere Menschen meiner Generation geprägt hat.

Typisch für diese Prägung ist ein ständiges Austarieren zwischen einerseits Sicherheit und andererseits Freiheit. - Nach dem Krieg machte ich notgedrungen eine Maurerlehre und wurde später auf sehr schwierigem Wege Lehrer. Jahre darauf, nach meinem großen Roman-Erfolg „Der lange Weg des Lukas B.“, hätte ich eigentlich das Unterrichten aufgeben und freier Schriftsteller werden können. Aber ich war mit Leidenschaft Lehrer und habe diesen Schritt viele Jahre hinausgezögert; bis meine Frau irgendwann sagte: Du kannst diese beiden Dinge nicht weiter nebeneinander machen. - Für meine Generation hat die Sicherheit einen großen Stellenwert. Mein Sohn Tom, ein sehr erfolgreicher Kameramann, sieht das ganz anders. Die Generation meiner Kinder, in Sicherheit aufgewachsen, schätzt vor allem die Freiheit und hat zum Glück nicht erlebt, wie sehr enge finanzielle Situationen die Freiheit einschränken.

M. S.: Prägend waren Ihre Kindheitserlebnisse auch für die literarische Arbeit - für den erzählten Stoff und für Ihre Sprache. Beim Lesen fiel mir auf, dass Ihre Sprache sehr vom mündlichen Erzählen bestimmt ist. War das unmittelbare, lebendige Erzählen vielleicht das, was Ihnen einst den Zugang zur Literatur eröffnet hat?

Faehrmann2.jpgW. F.: Meine Art zu sprechen kommt von der Sprache der einfachen Leute her. Sie ist reich an Bildern. D. h. ich schreibe, was man auch sehen kann. Ein bedeutender Filmproduzent sagte einmal, meine Sprache ließe sich bruchlos in Bilder umsetzen. Das Erzählen von Geschichten ist, davon bin ich überzeugt, die Mutter aller Lesefreuden. Meine Oma war eine leidenschaftliche Erzählerin.

Hinzu kam, dass mein Vater gerne und viel vorlas. In unserer Wohnküche stand ein kleines Sofa. Wenn mein Vater nach Hause kam, legte er sich nach dem Essen mit angezogenen Knien da drauf, und ich konnte in seiner Kniebeuge sitzen. Dann las er aus seinen Büchern vor, die ich oft überhaupt nicht verstand. Vermutlich liebte ich diese Situation des Vorlesens mehr als die eigentlichen Texte.

M. S.: Und Ihre Mutter las nicht?

W. F.: Doch, meine Mutter las mit hoher Freude triviale Texte. Es gab so eine Romanheft-Serie, lauter 64seitige Liebesgeschichten, die im Wochenrhythmus erschienen. Von diesen Heften war sie völlig ergriffen, lachte oder heulte auch. Auf mich hat es damals einen unglaublichen Eindruck gemacht, dass man vom Lesen so berührt werden kann.

Einen weiteren Zugang zur Literatur öffnete mir unser Hausfriseur, der zugleich für eine Leihbücherei verantwortlich war. Zum Haareschneiden brachte er mir immer Bücher mit – im Tausch gegen ein paar Flaschen von dem Bier, das mein Vater bei König als Deputat bekam. Ich bin also nicht zuletzt durch Liter zur Literatur gekommen. – Das alles gehörte zu meiner literarischen Prägung, die natürlich nicht absichtsvoll geschah. Selbst nachdem meine ersten Bücher erschienen waren, haben meine Eltern meine schriftstellerischen Ambitionen allerdings immer sehr skeptisch gesehen. Sie fragten sich schon, was sie da für einen merkwürdigen Jungen groß gezogen hatten.

M. S.: Als 1962 Ihr erster großer Roman erschien, sorgte das für erhebliches Aufsehen. In „Das Jahr der Wölfe“ erzählen Sie überaus spannend, wie der 12jährige Konrad im Kriegswinter 1944/45 gemeinsam mit seiner Familie aus Ostpreußen flieht. – Einen derart schweren Stoff für junge Leute zu gestalten, war damals geradezu eine Sensation.

W. F.: Ausgangspunkt für die Arbeit an diesem Buch war eine Nacht in Berlin. Hier traf ich damals einen Freund, der wie ich aus wenig begüterten Verhältnissen kam. Weil er gerade ein Praktikum machte, hatte er noch weniger Geld als ich. Ich lud ihn zum Essen in ein Lokal ein, und er begann von seiner Flucht aus Ostpreußen zu erzählen. In Berlin gab es schon damals Lokale, die auch nach zwölf nicht Schluss machten. Also erzählte er immer weiter und wir merkten überhaupt nicht, wie die Stunden verflogen.

Auf die Idee, dass sein Bericht der Stoff für ein Buch sein könnte, kam ich erst durch meine Frau, die meinte: Mensch, wenn Du das nicht aufschreibst, wird es in 50 Jahren niemand mehr wissen. Also ging ich an die Arbeit und habe erst einmal anderthalb Jahre lang alles recherchiert, was es an Informationen über diese Flucht gab. Das eigentliche Schreiben hat dann noch einmal anderthalb Jahre gebraucht. Doch der große deutsche Verleger, dem ich das fertige Manuskript anbot, wollte es nicht drucken. Es war die Zeit des kalten Krieges. Ihm war dieses Thema viel zu heiß. Und dass „Das Jahr der Wölfe“ etwas später im Arena-Verlag erscheinen konnte, war allein zwei kompromisslosen und sehr engagierten Lektoren zu verdanken.

M. S.: Aufsehen erregte damals nicht nur der Stoff. Neuartig war auch, dass sich Ihr Buch sowohl an ein jugendliches Publikum als auch an Erwachsene richtet. – Entspricht das Ihrem Anspruch an Jugendliteratur?

W. F.: Im allgemeinen Verständnis hatten Bücher für Jugendliche zum damaligen Zeitpunkt eigentlich nichts mit Literatur zu tun. Bis in die 60er Jahre hinein war die ganze Kinder- und Jugendliteratur vor allem ein Erziehungsinstrument. Die Schönheit der Sprache z. B. spielte kaum eine Rolle. Es gab in Deutschland nur ganz wenige Jugendbuch-Autoren, die das Tor zur Belletristik aufstießen. Heute gibt es eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren, die sowohl Jugendliche als auch Erwachsene erreichen.

Möglich wurde dieser Emanzipationsprozess, weil sich die Kinder- und Jugendliteratur aus den Zwängen der Erziehungsabsichten befreite. Astrid Lindgren etwa gilt heute als klassische Autorin. Wenn ich meinen Kindern aus ihren Büchern vorgelesen habe, konnte ich vor Lachen manchmal gar nicht weiterlesen. Aber in Westdeutschland war sie anfangs sehr angefeindet. Diese aufmüpfigen Kinder und diese Verhohnepiepelung der Erwachsenen – das alles passte nicht in den Rahmen der damaligen Erziehung. Doch dann hat man mehr und mehr gemerkt, was für eine gewaltige Befreiung die Hinwendung zum literarischen Anspruch der Kinder- und Jugendliteratur sein kann.

M. S.: GeFaehrmann_Wolken.jpgmeinsam mit wenigen Autorenkollegen haben Sie Schubladen aufgestoßen, die lange verschlossen waren.

W. F.: Unbewusst natürlich.

M. S.: Es ist zweifellos eine ganz besondere Sache, junge Leute zum Zuhören bzw. für das Lesen zu gewinnen...

W. F.: Die besondere Herausforderung ist, schwierige Sachverhalte so zu schreiben, dass Jugendliche das lesen wollen. Natürlich können sie ihnen nicht mit komplizierten literarischen Konstruktionen oder einer ausgefeilten historischen, fachsprachlichen Betrachtung kommen.

Poesie bietet immer verschiedene Verständnisebenen an. Bei meinem „Lukas B.“ etwa erzählt mir der eine Leser, das wäre ein tolles Abenteuer-Buch. Der Nächste liest dieses Buch als Entwicklungsroman, der Dritte als historischen Roman und der Vierte einfach als schöne Literatur. Jeder liest das Buch anders. Die Ebene der Spannungs- bzw. Abenteuerliteratur, der Schicksale, die Jugendliche in irgend einer Weise angehen, will ich jedoch auf keinen Fall überspringen. Sonst wird das Buch einfach zugeklappt.

M. S.: Wiederholt spielen Ihre Bücher in der Zeit des Nationalsozialismus. Es ist Ihnen offensichtlich wichtig, jungen Leuten diese Zeit nacherlebbar zu machen. Welchen Stellenwert hat dabei, was Sie selbst damals erlebt haben?

W. F.: All meine Romane bestehen aus Erlebtem, Erforschtem und Erfundenem. Der Faktor des Selbst-Erlebten ist nicht gering. Doch keiner - außer mir und vielleicht meiner Frau – könnte sagen, was da erlebt und was erfunden ist.

Als 15jähriger kam ich in den Volkssturm. Und ich hoffte tatsächlich trotz allem, wir würden noch den Krieg gewinnen. Ein Jugendlicher von heute kann das nur schwer nachvollziehen. Man muss alles mühsam verständlich machen: Es gab kein Fernsehen, keine freie Rundfunksendung und keine Presse, die nicht gleichgeschaltet war... – Je spannender und menschlich berührender Sie diesen schwierigen Stoff angehen, desto größer ist die Aussicht, junge Menschen auch heute noch zu erreichen.

M. S.: Kürzlich lasen Sie in Duisburg bei einer Veranstaltung, die das dortige HörCentrum Reinhard Dageförde speziell für Menschen mit Hörminderung veranstaltete. Für dieses eher ältere Publikum lasen Sie aus Ihrem aktuellen Roman „Wie die Wolken ziehen“…

W. F.: Da geht es um die Kinderlandverschickung. Ab Ende 1940 wurden insgesamt rund fünf Millionen Kinder und Jugendliche aus den stark bombardierten Regionen Westdeutschlands in weniger gefährdete Gebiete verbracht. Wie für meine Roman-Heldinnen war diese Kinderlandverschickung für viele Jugendliche meiner Generation eine ganz zentrale Erfahrung. Umso erstaunlicher ist es für mich, dass es vor meinem Buch so gut wie keine literarische Auseinandersetzung mit dieser Thematik gab.

M. S.: Bemerkenswert ist für mich das Spannungsfeld, in dem sich die Romanhandlung bewegt. Da sind zum einen das Grauen des Krieges, die Barbarei des NS-Systems und die Indoktrination, der die Schülerinnen im KLV-Lager ausgesetzt sind. Auf der anderen Seite gibt es jedoch sehr viel Gemeinsamkeit, Freundschaft, Liebe, positive Emotionalität. Der Aufenthalt in diesem Lager scheint zugleich so eine Art paradiesischer Zustand zu sein?

Duisburg1945(c)StadtarchivD.jpgW. F.: So ähnlich kam es den Jugendlichen ja auch vor. - Duisburg hat 288 Bombenangriffe über sich ergehen lassen – mehr als jede andere Stadt in Deutschland. Man muss sich das vorstellen: Fast jede Nacht mehrere Fliegerangriffe. Es gab nicht genug zu Essen. Aber noch viel schlimmer war diese psychische Belastung. Sie sitzen in einem Keller und können nichts anderes tun als warten – trifft es uns oder trifft es uns nicht.

M. S.: Wer das nicht erlebt hat, kann es schwerlich nachempfinden.

W. F.: Und dann kommen Kinder und Jugendliche aus diesem Inferno heraus. Das erste Mal verreisen; ganz ohne die Eltern in eine neue und für damalige Verhältnisse sehr geordnete Welt. Viele meiner Klassenkameraden, die damals in die Nähe von Prag kamen, sahen z. B. erstmals in ihrem Leben ein Badezimmer. Das war tatsächlich paradiesisch. - Ich selbst fuhr nicht mit, weil meine Mutter die politische Erziehung in den Lagern fürchtete und mit mir stattdessen in ein Dorf ins Lipperland zog. Doch wenn die anderen später beim Klassentreffen von der Kinderlandverschickung erzählten, hieß es oft: Das war die schönste Zeit in unserem Leben.

Ich habe das lange kritiklos hingenommen, bis mir eine Studienkollegin von ihren Erlebnissen berichtete, die die Erzählungen meiner Mitschüler in einem anderen Licht erscheinen ließen. Da begann mich das Thema zu interessieren und ich fing an zu recherchieren und schließlich dieses Buch zu schreiben.

M. S.: Vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus und der Schuld, die Nazi-Deutschland während des Zweiten Weltkrieges auf sich geladen hat, spielten die individuellen Schicksale vieler Deutscher, ihre oft traumatischen Kindheits- und Jugenderlebnisse in der öffentlichen Verständigung lange Zeit kaum eine Rolle. Erst in den letzten Jahren erschienen zahlreiche Publikationen und Filme. Es scheint, als wäre es endlich möglich, den Erinnerungen der Generation 70plus eine Öffentlichkeit zu geben?

Kinderland.jpgW. F.: Viele Betroffene trugen lange Zeit selbst die Schere im Kopf. Nach dem Krieg hatten die Leute ganz anderes zu tun als die Vergangenheit zu reflektieren. Es ging um das nackte Überleben. Aus unserer Notunterkunft im Lipperland konnten meine Mutter und ich z. B. erst zurückkehren, nachdem mein Vater ein riesiges Loch zugemauert hatte, das eine Granate in unser Schlafzimmer gerissen hatte. Zwei Jahre lang haben wir gehungert. Es gab so gut wie keine Gelegenheit, einmal satt zu werden.

M. S.: Welche Spuren all diese Erlebnisse in einem Menschen hinterlassen, können wir Jüngeren vermutlich kaum erahnen. – Doch inwieweit sind Jugendliche überhaupt noch bereit, sich mit solchen Stoffen auseinander zu setzen? Welchen Stellenwert haben Erzählen und Literatur in einer multimedialen und vielfach vernetzten Welt?

W. F.: Man sollte sich vom Irrglauben befreien, dass es jemals eine paradiesische Zeit für Bücher gegeben hätte. Die gab es noch nie. In bedrängten Systemen, in der Nazizeit, in Russland, auch in der DDR hat Literatur immer eine größere Rolle gespielt. Doch normaler Weise sah es immer anders aus. Auch Goethe und Schiller hatten zu Lebzeiten nur ein ganz kleines Publikum. Damals konnten nur ganz wenige der Erwachsenen lesen. Vor Gutenberg soll es nur zwei Prozent Lesekundige gegeben haben. Und das war natürlich eine Bevölkerungsschicht, die Zeit hatte. Arbeiter hatten keine Zeit. Mein Opa hat täglich zwölf Stunden arbeiten müssen; samstags sowieso, oft auch sonntags. Wann sollte der lesen?!

Was mich jedoch verwundert, ist die Tatsache, dass der bedeutendste Jugendliteraturmarkt der Gegenwart die Fantasy-Literatur ist. Das begann schon vor Harry Potter. Manchmal frage ich mich, was die Jugendlichen eigentlich zu solchen Büchern treibt. Und ich glaube, dass das mit den enormen Schwierigkeiten vieler junger Leute zu tun hat, einen beruflichen Platz in der Gesellschaft zu finden. Das ist auch eine Art Fluchtbewegung hin zu einer Lektüre, bei der das Erzählen überhaupt nicht mehr an rationale Gegebenheiten gebunden ist. Diese Bücher können gut geschrieben sein; ich will diese Literatur nicht verurteilen. Doch Stoffe fern jeder Wirklichkeit sind für mich nicht das, was ich schreiben will.

M. S.: Wechseln wir das Thema und kommen vom Schreiben zum Hören. – Wobei; auch jeder Weg zu einer Hörgeräte-Versorgung hat ja so seine eigene Geschichte, die sich erzählen und aufschreiben lässt. Wie sah denn Ihre Versorgungsgeschichte aus?

W. F.: Wie ich zu meiner Schwerhörigkeit kam, das wirft schon ein bestimmtes Licht auf meine Familie. Als Kind hatte ich 16 Mal eine Mittelohrentzündung am rechten Ohr. Doch ich hatte unheimliche Angst vor dem Ohrenarzt und habe meine Beschwerden jedes Mal so lang wie möglich verheimlicht. Hinzu kam, dass man damals nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt ging. Ich durchlebte qualvolle Nächte, in denen mein Herzschlag jedes Mal von innen gegen das Trommelfell donnerte, bis es endlich einriss. Dann floss der Eiter ab und ich war den Schmerz los.

In meinem rechten Ohr blieben jedoch 16 Narben zurück, die mein Hörvermögen auf dieser Seite schon damals etwas einschränkten. Später, während meiner Maurerlehre, habe ich monatelang mit dem Presslufthammer beschädigte Betondecken heraus gestemmt – immer ohne Hörschutz. Natürlich hat auch das meinen Ohren nicht gut getan. Dennoch empfand ich später als Lehrer noch keine großen Probleme mit dem Hören.

M. S.: Dem Thema Hörschädigung sind Sie in der Schule aber dennoch begegnet?

W. F.: In einer 7. Klasse hatte ich einen extrem schwerhörigen Jungen. Doch weder die Eltern des Jungen noch die Lehrer hatten seine Hörprobleme bemerkt, ich lange Zeit auch nicht. Der Junge galt einfach als wenig begabt, uninteressiert und bockig. Bis ich mich eher zufällig einmal fragte, ob er überhaupt hören kann. Ich habe ihn in die Klasse gestellt mit dem Gesicht zur Wand. Dann ging ich zum Pult und habe leise etwas gesprochen. Er verstand gar nichts.

Daraufhin habe ich die Eltern wild gemacht. Sie gingen zum Arzt, dessen Diagnose keinen Zweifel ließ. Und ich blieb durch das Erlebnis sensibilisiert für das Thema.

M. S.: Wann nahmen Sie Ihre eigenen Hörprobleme wahr?

W. F.: Ich mache oft Autorenlesungen, auch in Schulen. Und ich musste feststellen, dass ich zunehmend Schwierigkeiten hatte, die leise sprechenden Kinder zu verstehen. - Das ist überhaupt ein Phänomen. Früher übten die Kinder in der Schule laut und verständlich zu sprechen. Heute schreien sie zwar laut in den Pausen auf dem Schulhof, aber in den Klassen sprechen sehr viele extrem leise.

Als ich meine Schwierigkeiten bemerkte, habe ich meiner Frau erklärt, ich muss unbedingt zu einem Akustiker. Wir haben das dann noch eine Weile diskutiert – aber keinesfalls kritisch. Wir wussten beide, dass es sein soll. Und wir waren von vornherein überzeugt, dass es absoluter Unsinn ist, Hemmungen vor dem Tragen von Hörgeräten zu haben.

Faehrmann.jpgM. S.: Wie haben Sie dann zu Ihrem Akustiker gefunden?

W. F.: Ich habe mich ein bisschen umgehört. Ein Schulratskollege hatte bereits Hörgeräte. Und dann kam ich zu Herrn Dageförde. Er hat mich unter die Maschine gestellt und genau definiert, wie es um meine Ohren steht. Zuerst trug ich nur rechts ein Gerät. Das genügte mir so lange, bis sich allmählich auch links eine Altersschwerhörigkeit einstellte. Seitdem trage ich Geräte auf beiden Seiten. Ohne die wäre ich heute gar nicht mehr in der Lage, Autorenlesungen zu halten. Andererseits hat die Schwerhörigkeit natürlich auch ihre Vorteile...

M. S.: Wie meinen Sie das?

W. F.: Als wir die ersten Jahre hier in unserem Haus wohnten, wurde ich morgens von den Tauben geweckt, die bei Tagesanbruch immer einen sagenhaften Lärm veranstalten. Heute nehme ich die Geräte nachts raus und höre das alles nicht mehr.

Wie auch immer. Morgens geht mein erster Griff zu den Hörgeräten und abends mein letzter. Durch sie bin ich wie befreit und wieder viel sicherer in der Kommunikation. - Stellen Sie sich vor, Sie lesen vor einer Schulklasse. Ein Kind fragt Sie etwas, sie bitten es dreimal, die Frage laut zu wiederholen. Und dann müssen Sie doch noch aufstehen und zu ihm hingehen. So etwas ist schon sehr unangenehm.

M. S.: Abgesehen von solchen heiklen kommunikativen Situationen - welchen Stellenwert hat Hören denn in Ihrem Leben? Ist gutes Hören für die Arbeit eines Schriftstellers vielleicht weniger wichtig als beispielsweise für einen Musiker oder Komponisten?

W. F.: Abgesehen davon, dass wir zu Hause gelegentlich musiziert haben und ich eine CD-Sammlung habe und nütze, gibt es auch einen Klang der Sprache. Und dann kam vor Jahren ein Hörtest im Fernsehen. Meine ganze Familie um mich her hörte viel mehr Töne als ich, vor allem im höheren Bereich. Ich aber hörte schon lange nichts mehr. Da wurde mir klar: Du musst etwas tun. Meine Frau bestärkte mich in dem Vorhaben, nun endlich einen Hörakustiker aufzusuchen.

Dass es Hörgeräte gibt, die einem das Erlebnis von Musik und überhaupt die Kommunikation wieder besser möglich machen, finde ich ganz wunderbar. – Also, auf zu einem Fachmann!

M. S.: Wie wichtig sind denn nach Ihrer Erfahrung die Beratung durch den Akustiker und die korrekte Hörgeräte-Anpassung?

W. F.: Zu Dageförde, dem Fachgeschäft hier am Markt in Xanten, bin ich sehr oft hingegangen, bis die Feineinstellung abgeschlossen war. Und ich bin dort sehr sehr freundlich und geduldig beraten worden, was für mich wichtig war. Auch wenn ich im Hörgeräte-Bereich nur beschränkte Erfahrungen gesammelt habe, denke ich, dass das bestimmt nicht überall so ist. Ich wäre z. B. auf keinen Fall in ein Geschäft gegangen, das neben Hörgeräten noch alle möglichen anderen Sachen anbietet.

Grundsätzlich kann ich die Leute nur ermuntern, frühzeitig zum Akustiker zu gehen. Ich selbst werbe immer dafür. Und ich sage dann, gehen Sie rechtzeitig hin. Denn wenn Sie später uralt sind, dann fällt es Ihnen viel schwerer, sich an die Technik zu gewöhnen und mit ihr umzugehen.

M. S.: Herr Fährmann, haben Sie vielen Dank für das interessante Gespräch.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift Audio-Infos.

Fotos: Tom Fährmann, Arena Verlag, Stadtarchiv Duisburg, ISG Gelsenkirchen, Schaarschmidt