„Das ist schon ein Stück Lebensqualität…“

Kabarettist und Schauspieler Michael Müller über seine Arbeit zwischen Bühne und Fernsehen, über die Comedy-Serie „Switch“ und über seine Hörsysteme

MMuellerSpringmaus.jpgEin Abend im „Haus der Springmaus“ im Bonner Stadtteil Endenich. Beim Betreten des Vorstellungsraumes passieren die zahlreichen Gäste die stolze „Ahnen-Galerie“ der bekannten Kabarett- und Kleinkunstbühne: Bill Mockridge (alias Erich Schiller aus der ARD-Serie „Lindenstraße“) ist der „Urvater“ der 1982 gegründeten „Springmaus“. Dirk Bach, Ralf Schmitz, Bernhard Hoëcker, Marco Rima und eine Vielzahl weiterer Kabarett- und Comedian-Größen haben die Geschichte des renommierten Hauses mitgeschrieben. Und auch am heutigen Abend erwartet die Besucher Unterhaltung vom Feinsten: eine kabarettistische Urlaubsreise zwischen deutschem Kulturtourismus und Sangria-Eimern, umkämpften Sonnenpritschen und Kakerlaken, Ferienlust und Beziehungsfrust. Herzhaftes Lachen und kraftvoller Beifall füllen den Saal. Unter den vier gefeierten Protagonisten auch Kabarettist und Schauspieler Michael Müller. Den kennt das Publikum vor allem aus der ProSieben-Erfolgsserie „Switch“. Was jedoch kaum ein Besucher wissen wird: Michael Müller ist Hörgeräteträger. Seine dot 30 by ReSound Systeme trägt er sogar während der Show – und selbstverständlich auch beim anschließenden Interview mit Martin Schaarschmidt.

Martin Schaarschmidt: Herr Müller, den vielen Fans der Comedy-Serie „Switch“ bzw. „Switch Reloaded“ muss man Sie nicht groß vorstellen. Für alle anderen habe ich mich bei Wikipedia informiert. – Am besten, ich fasse das zum Einstieg kurz zusammen, und Sie ergänzen, wo es nötig ist.

Michael Müller: Na dann mal los…

M. S.: Geboren wurden Sie 1958 in Bonn, haben nach der Schule Bauzeichner gelernt, Architektur studiert, parallel dazu ab dem 16. Lebensjahr auf der Bühne gestanden. Zehn Jahre waren Sie Statist am Stadttheater in Bonn. Hier kamen Sie auch mit Bill Mockridge zusammen, schlossen sich seiner Gruppe für Improvisationsschauspiel an und zählten zu den Gründungsmitgliedern des Improvisationstheaters „Springmaus“. Als Sie nach neun Jahren aus dem Ensemble ausstiegen, um sich ganz Ihrem Studienabschluss und der geplanten Architekten-Karriere zu widmen, kam ihnen das Angebot, an einem Musical mitzuwirken, in die Quere…

M. M.: Das war „Der kleine Horrorladen“; und ich habe mächtig mit mir gekämpft: Bühne oder Architektur. Doch dann habe ich die Chance gepackt und mein Studium cirka ein Jahr vor dem Abschluss endgültig fahren lassen. Auch wenn’s schwer gefallen ist, die Entscheidung habe ich bis heute nicht bereut.

M. S.: Es folgten weitere Musical-Engagements in „Die Schöne und das Biest“ und in „Keep cool“. Sehr wichtig wurde die Zusammenarbeit mit Ihrem Kollegen Andreas Etienne, mit dem Sie seit nunmehr 26 Jahren kontinuierlich mit gemeinsamen Kabarett-Projekten auf der Bühne stehen. Ab Mitte der 90er gab es erste Aufträge für das Fernsehen...

M. M.: Die erste regelmäßige Geschichte war die „Dirk Bach Show“. Dann folgten verschiedene Sachen - Episodenrollen bei „Rita“ und „Axel!“, die Mitarbeit bei „Schmitz komm raus“, „Mircomania“ mit Mirco Nontschew, die „Sketch-Show“; Formate, die mehr oder minder erfolgreich waren. Manches wurde sehr schnell wieder eingestellt, zum Teil unverdient. Heute hat man beim Fernsehen leider keinen langen Atem. Wenn’s nicht gleich funktioniert, die Einschaltquote nicht stimmt, ist das Format schon gestorben.

M. S.: Zu sehen waren Sie auch in den Serien „Die Wache“, „Lindenstraße“ und „Verbotene Liebe“. Den Durchbruch – so Wikipedia – gab es für Sie ab 1997 mit „Switch“. War das tatsächlich Ihr Durchbruch?

M. M.: So würde ich’s nicht sagen. „Switch“ ist eine Episode von vielen – eine, die mittlerweile sehr lange wehrt. Am Anfang wäre ich beinahe gar nicht dabei gewesen. Die ersten Folgen sollten während meiner Hochzeitsreise gedreht werden. Wir hatten fünf Wochen Australien geplant, und ich hätte es meiner Frau unmöglich antun können, die Reise platzen zu lassen.

Aber wie es in der Branche so ist: Entweder man will dich nicht oder man will dich. Der Sender hat es möglich gemacht, dass meine ersten Szenen wenige Tage vor Abfahrt gedreht wurden. Also war ich dabei. Die Sendung lief vier Jahre lang, dann wurde sie eingestellt...

M. S.: ... um weitere sechs Jahre später als „Switch Reloaded“ aufzuerstehen.

M. M.: Vermutlich gibt es kein zweites Format im deutschen Fernsehen, das so etwas geschafft hat. Eigentlich ist „Switch“ erst mit den neuen Staffeln so richtig durchgestartet.

M. S.: Deutscher Comedy-Preis 2007 und 2008, deutscher Fernsehpreis 2008 und erst vor wenigen Wochen der Österreichische Fernsehpreis „Romy“... Doch lassen Sie uns „Switch“ noch etwas zurück stellen! Switchen wir doch erstmal zum Thema Hörakustik: Wie kamen Sie eigentlich zur Entscheidung, eine Hörsystem-Versorgung anzugehen?

M. M.: Das fing mit solchen klassischen Kleinigkeiten an: Mein Mobiltelefon hat so einen anschwellenden Ton; und meine Frau hat immer schon vor mir gehört, wenn es klingelte. Dann meinte sie beim Fernsehen immer, dass ich nicht so laut machen soll. Gut, erst einmal drückt man so etwas weg, sagt sich, dass Frauen eben tendenziell weniger lautes Fernsehen mögen, weniger Action-Filme zum Beispiel. Aber dann merkte ich auch, dass ich in Gesprächsrunden ziemlich oft nachfragen musste.

Zufällig ging ich eines Tages in der Fußgängerzone von Duisdorf an einem Hörgeräteladen vorbei. Die boten kostenlose Hörtests an; und weil ich noch etwas Zeit bis zum nächsten Termin hatte, bin ich einfach mal rein. Beim Test stellte sich dann heraus, dass ich die hohen Frequenzen schlecht höre, die auch für die Sprachverständlichkeit sehr wichtig sind. Da sich diese Diagnose beim HNO-Arzt bestätigte, suchte ich mir professionelle Hilfe und fand sie auch.

M. S.: Klingt erstmal ziemlich einfach… - Aber wie ging es Ihnen mit dem Gedanken, Hörgeräte zu bekommen?

M. M.: Ehrlich gesagt, nach diesem ersten Ergebnis war ich geschockt. Ein Hörgerät, das hieß für mich: Jetzt bist du ein alter Mann. Ich hatte diese üblichen Vorstellungen im Kopf; man kriegt so einen riesigen, pfeifenden Apparat hinters Ohr, und alle können das dann sehen.

Es hat schon ein paar Tage gedauert, mich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Als ich mich jedoch eingehender mit der Thematik beschäftigte, merkte ich, dass offensichtlich weit mehr Leute Schwierigkeiten mit dem Hören haben, als ich annahm. Viele nehmen ihre Einschränkungen ja nicht einmal wahr, weil diese sich schleichend einstellen.

M. S.: Und dann wird oft viel zu lange gewartet, bis man endlich zum Hörakustiker geht... – Wie lange hat es denn bei Ihnen gedauert, bis Sie aktiv geworden sind?

M. M.: Vielleicht zwei Jahre. Wenn ich nicht zufällig an dem Geschäft vorbei gelaufen wäre, hätte es wahrscheinlich noch länger gedauert; zumal es nicht so viel ist, was mir an Hörvermögen fehlt. Aber das, was fehlt, ist eben entscheidend.

Was mich besonders beeindruckt hat, war die Tatsache, dass das Gehirn ohne die erforderliche Hörhilfe verlernt, Frequenzen als Sprache zu interpretieren, dass es diese Frequenzen irgendwann nur noch als Lärm wahrnimmt. – Ich dachte: Ohne Geräte wirst du bald noch größere Schwierigkeiten in Gesprächen haben. Und wenn’s dann gar nicht mehr geht, wird dich das Hören mit diesen Dingern total nerven. Hilft ja nix, hab ich mir gesagt, jetzt musst du da eben durch.

M. S.: Inwieweit spielt es heute noch eine Rolle für Sie, von anderen als Hörgeräteträger wahrgenommen zu werden?

MMueller.jpgM. M.: Inzwischen gehe ich damit sehr offen um. Sicherlich laufe ich nicht rum und erzähle jedem: Guck mal, ich habe Hörgeräte. Aber wenn es doch mal jemandem auffällt, dann stehe ich dazu.

Meinen Kollegen habe ich es auch erklärt. Interessant war, dass es da ganz unterschiedliche Reaktionen gab. Einige meinten: Du lieber Gott, jetzt hat der ein Hörgerät... Aber es gab auch mehrere, die meinten, dass sie bei sich ganz ähnliche Schwierigkeiten festgestellt hätten, dass sie etwa f und s nicht mehr unterscheiden können. Ich habe ihnen alle Zusammenhänge und Konsequenzen erklärt. Und ich habe ihnen geraten: Lasst euch einfach mal untersuchen! Es kostet ja nichts; und dann weiß man wenigstens Bescheid.

M. S.: Und Ihre anfänglichen Angstvorstellungen vom großen pfeifenden „Klotz am Ohr“? Hat Sie in der Folge überrascht, wie heutige Systeme tatsächlich aussehen?

M. M.: Überrascht eigentlich nicht. Ich weiß gar nicht, warum. Ich hatte solche Systeme schon vorher mal im Schaufenster gesehen; und da habe ich noch gedacht: Da sieht man eigentlich nix mehr groß.

M. S.: Wie lang haben Sie gebraucht, um den Nutzen Ihrer Systeme schätzen zu lernen?

M. M.: Ein Effekt war sofort da – beim Fernsehgucken und auch in Gesprächen. Natürlich musste sich alles erst etwas einpegeln. Ich habe verschiedene Produkte ausprobiert und getestet, welches für mich am besten ist. Da geht es ja auch um persönliche Vorlieben. Der eine mag einen schärferen Sound, für den nächsten ist es besser, wenn Sprache und Geräusche nicht ganz so extrem abgebildet werden.

M. S.: Welche Kriterien waren für die Wahl Ihrer Hörsysteme wichtig?

M. M.: Die Entscheidung hatte mit diesem persönlichen Hörempfinden zu tun. Erst habe ich Geräte probiert, die waren mir zu schrill. Oder es gab in bestimmten Situationen immer wieder Rückkopplungen – wenn ich zum Beispiel mein Auto-Radio angeschaltet habe. Das war anstrengend, und mein Akustiker hat versucht, diesen Effekt etwas zu dämpfen. Doch danach wurde es wieder in anderen Situationen schwierig.

Dann hatte ich ein System, bei dem man die Programme selbst einstellen konnte – direkt am Gerät oder mit einer Fernbedienung. Ich persönlich finde es doof, bei jeder neuen Situation die Fernbedienung rausholen zu müssen, immer neu zu überlegen, welches Programm jetzt gerade gut ist. Mal vergisst man die Bedienung im Auto, mal stellt man das Gerät ein, und es ist doch wieder zu schrill…

M. S.: Ihre Entscheidung fiel letzten Endes auf das dot 30 von Hersteller ReSound. Was hat Sie an dieser Lösung besonders überzeugt?

M. M.: Es ist die Lösung, mit der ich mich am wohlsten fühle. Meine Geräte sind vollautomatisch. Sie sorgen dafür, dass ich gut hören kann, und sie bieten mir Komfort – im Sinne von: Das macht das System schon allein...

Das dot 30 passt sich den Situationen von selbst an, und es gibt immer ein optimales Hörerlebnis. Ich höre das Klingeln meines Telefons nun von Anfang an. Und beim Fernsehen verstehe ich Sprache schon bei niedrigem Lautstärkelevel.

M. S.: Und in den anderen Grenzfällen?

M. M.: Auch wenn viele durcheinander sprechen, gibt es keine Probleme. Das alles ist schon ein Stück Lebensqualität.

Gut ist auch, dass ich mich nicht durch irgendein Druckempfinden belästigt fühle. Es gibt ja Geräte, die noch unauffälliger sind, dann aber dazu führen, dass man den Gehörgang verschließen muss. Mir ist wichtig, die vorhandene Frequenzbreite so lange wie möglich natürlich zu hören. Das Gerät soll unterstützen, nicht das Ohr zumachen. Meine jetzigen Geräte laufen einfach so nebenbei. Ich trage sie, wo immer es geht.

M. S.: Und wann geht es nicht?

M. M.: In Situationen mit extremer Geräuschkulisse nehme ich sie manchmal raus; bei dieser Romy-Preisverleihung beispielsweise. Bei Ramba-Zamba und Live-Musik fand ich es ohne Geräte einfach besser. Und auch im Beruf gibt es Situationen, in denen ich sie nicht tragen kann. Wenn ich beim Drehen eine Glatze geklebt bekomme, dann geht es nicht. Oder bei Bühnenauftritten mit vielen schnellen Umzügen. Da fürchte ich einfach, dass ich mir die Systeme in der Eile rausreiße.

Nun bin ich nicht so eingeschränkt, dass ich meine Kollegen ohne die Geräte nicht mehr hören würde. Auf der Bühne werden die Sachen ohnehin verstärkt; zudem gibt es Monitore, die uns die Orientierung erleichtern. Aber wenn es möglich ist, etwa wenn ich im Duo-Programm mit meinem Kollegen Andreas Etienne auf der Bühne stehe, den ganzen Abend einen Anzug trage, dann habe ich auch die Hörgeräte im Ohr.

M. S.: Welche Vorteile bringen Ihnen die Systeme auf der Bühne?

M. M.: Mit Systemen ist das natürlich alles feiner und besser verständlich. Das hilft zum Beispiel in den Situationen, in denen der Kollege nicht unmittelbar neben mir steht. Auf der Bühne trage ich meine Geräte jedoch auch, um mich weiter an alle möglichen Situationen zu gewöhnen. Mein Hörakustiker hat mir erklärt, dass es wichtig ist, sie möglichst viel zu tragen. Man trainiert dadurch sein Gehirn in dieser veränderten Wahrnehmungswelt.

MMuellerTegtmeier.jpgM. S.: Apropos Hörakustiker. – Wie wichtig war denn der Prozess der Anpassung für Sie? Wie gut fühlen Sie sich bei Ihrem Hörakustiker, der Bonner Firma Tegtmeier, aufgehoben?

M. M.: Der Prozess der Anpassung war sehr wichtig. Ich habe die drei Geräte ausprobiert; dann bin ich immer mal wieder hin, um die Geräte für bestimmte Situationen optimieren zu lassen. – Wann hat etwas gestört? Wann war es zu laut oder zu leise? – Immer ging es vom Allgemeinen zum Speziellen, solange, bis alles stimmte.

Vom Probetragen bis zur abschließenden Feinanpassung nahm dieser Prozess fast ein halbes Jahr in Anspruch. Das ist eben eine sehr individuelle Geschichte. Die Betreuung durch meinen Hörakustiker habe ich dabei als sehr angenehm empfunden. Man merkt relativ schnell, ob jemand tatsächlich Interesse an seinem Gegenüber hat, oder ob er nur Geräte verkaufen will. Ich habe bei jedem meiner Änderungswünsche gespürt, dass man das ernst nimmt, nach neuen Möglichkeiten sucht. – Wir stellen Ihnen das jetzt mal so ein. Und wenn das nicht gut ist, sagen Sie es uns bitte. – Im Moment passt es für alle Lebenssituationen, in denen ich vorher Defizite erlebt habe.

M. S.: Kommen wir noch mal zu „Switch“. – Der Name der Sendung ist Programm. Gemeinsam mit Ihren Kollegen switchen Sie durch die TV-Kanäle der Republik, parodieren die unterschiedlichsten Figuren. Sie selbst kennt man beispielsweise als Dr. House, als den Polizisten Toto, als Klaus Kleber und als Peter Bond, als einen der Ludolf-Brüder vom Dernbacher Schrottplatz... – Gibt es eigentlich Figuren, die Sie besonders mögen?

M. M.: Je deutlicher sich eine Figur parodieren lässt, desto lieber ist es mir natürlich. Reich-Ranicki zum Beispiel spiele ich sehr gerne. Als Typ ist der der Hammer. Man braucht keine große Maske, wird sofort über die Stimme erkannt und kann in dieser Rolle viele böse Dinge sagen. Das ist einfach sehr dankbar.

M. S.: Wie kommen Sie zu Ihren Figuren?

M. M.: Bei „Switch“ werden die Nummern von einem festen Autorenstamm geschrieben. Vor jeder neuen Staffel gibt es ein gemeinsames Brainstorming. In dem können auch wir Darsteller sagen, wenn wir eine Figur oder ein bestimmtes Genre gerne mal aufgreifen würden. Zusammen mit den Autoren wird nach Ideen für die Umsetzung gesucht. Beim Autor muss es eine Initialzündung geben. Er muss sich die Sache vorstellen können; dann setzt er sich hin und schreibt mal was.

Meine Kollegen Michael Kessler und Mona Sharma schreiben oft auch eigene Sachen und reichen sie ein. Ich selbst bin eher Bühnentexter. Aber ich suche das Gespräch mit den Autoren. Es gibt welche, die dich als Typ sehen und davon ausgehend eine Idee entwickeln. Wenn man dann den fertigen Text bekommt, kann man immer noch sagen: Das möchte ich umformulieren, weil es mir so nicht aus dem Mund kommt. Oder weil Dr. House bzw. Commander Data von Star Trek das so niemals sagen würden.

M. S.: Sie müssen Ihre Figuren demnach sehr genau studieren?

FotoProSiebenKaiSchulz2.jpgM. M.: Die Leute, die ich parodiere, schaue ich mir regelmäßig und intensiv an.

M. S.: Hat man diese Figuren irgendwann so verinnerlicht, dass man sie nicht mehr beobachten muss?

M. M.: Ab einem bestimmten Punkt. Aber man muss unterscheiden. Es gibt Figuren, die sich sehr leicht parodieren lassen. Die sprechen zum Beispiel auf eine besondere Art oder haben einen Sprachfehler. Andere Figuren haben nichts. Bei Michael Steinbrecher haben sie nichts – außer vielleicht der Frisur.

Wenn man an einer Figur gar nichts findet, muss man notfalls was erfinden, um ihr eine besondere Note zu geben. Michael Kessler hat für den RTL-Moderator Peter Kloeppel so eine komische Art des Stehens gefunden. Kloeppel steht nicht so. Aber dieses Stehen ist das Markenzeichen für die Parodie, und die Leute finden es komisch.

M. S.: Wer bei „Switch“ parodiert wird, wird mehr oder weniger durch den Kakao gezogen. Wie sieht es mit Ihren eigenen Emotionen im Verhältnis zur jeweiligen Figur aus? Ist da mitunter auch eine ordentliche Portion Genugtuung dabei, wenn man über jemanden herziehen kann, den man selbst überhaupt nicht mag?

M. M.: Klar gibt es das. Es gibt Leute, die findet man furchtbar – in ihrer Denke, in ihren Einstellungen zu den Dingen. Silbereisen zum Beispiel ist für uns alle ein rotes Tuch; besonders für meinen Kollegen Michael Kessler, der ihn ja auch verkörpert. – Dieses Deutschtümelnde, dieses „Mir sann ja alle eine große Familiä“ und am Arsch die Hühner... – Da macht es umso mehr Spaß, durch die Parodie eine Art Gegenhaltung einzunehmen. - Auf der anderen Seite gibt es viele Figuren, die keinem was tun und oft auch ganz nett sind.

M. S.: Und welche Reaktionen zeigen diejenigen, die Sie auf die Schippe nehmen?

M. M.: Hin und wieder gibt es jemanden, der das überhaupt nicht lustig findet. Arabella Kiesbauer wurde mal von einem Reporter bei einer offiziellen Veranstaltung auf ihre Parodie bei Switch angesprochen. Man konnte richtig sehen, wie ihr das Gesicht runter fiel, sie hat dann aber gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Im Großen und Ganzen sind die Parodierten aber Fans ihrer Parodien.

Mitunter wird sogar mal jemand von uns eingeladen, in die Sendung des Parodierten zu kommen. Aber das ist eine Gradwanderung. Man muss aufpassen, dass man nicht benutzt wird und sich mit dem gemein macht, was man eigentlich auf die Schippe nehmen will.

M. S.: Doch noch mal zu den Hörgeräten. - Wenn Ihr Kollege Michael Kessler alias Florian Silbereisen sein Chemnitzer Publikum begrüßt, kommt es schon mal vor, dass er alle Zuhörer auffordert, sie mögen jetzt ihre Hörgeräte einschalten, damit sie das „Volksfest der Volksmusik“ nicht nur schauen, sondern auch hören können… - Haben Sie ein Problem damit, wenn Gags auf Kosten von Hörgeräteträgern gemacht werden?

M. M.: Nein. Irgendwelche Defizite hat doch jeder von uns; ob man nun Hörgeräte trägt, etwas langsamer als andere ist oder sonst etwas. All diese Defizite werden von anderen immer irgendwie kommentiert. – Wenn ich im Theater mal was nicht mitbekomme, heißt es auch gleich: Haste Dein Hörgerät nicht an? Mach das Ding mal lauter! – Natürlich wird das benutzt. Aber wenn man damit offen umgeht, wird es auch weniger. Je mehr andere merken, dass man selbst ein Problem damit hat, desto mehr wird man aufgezogen.

AutogrammMMueller.jpgM. S.: Von Kurt Tucholsky gibt es den Satz von der Satire, die alles darf. – Wie sehen Sie das? Gibt es Grenzen von Satire?

M. M.: Klar. Letztlich ist man immer sein eigener Maßstab. Was einem unangenehm oder peinlich ist, dass kann man auch schlecht spielen. Ich habe zum Beispiel ein Problem damit, wenn Themen wie Behinderung oder Sex nur als Vehikel benutzt werden. - Dem Autor ist nichts eingefallen, aber wenn am Ende einmal „ficken“ gesagt wird, dann lachen alle, und dann ist es gut...

Ich habe kein Problem damit, so etwas zu sagen, wenn es sich aus der Logik einer Nummer ergibt. Aber oft werden Sachen unter der Gürtellinie nur deshalb gemacht, weil es sonst keine Pointe gibt. Gegen so was wehre ich mich, auch bei „Switch“. – Nee Leute; da setzt euch noch mal hin und überlegt euch einen anderen Gag! – Es gab auch schon Nummern, die ich einfach abgelehnt habe.

M. S.: Eine Grenzüberschreitung anderer Art sind die „Schwitch“-Parodien auf den Staufenberg-Film mit Tom Cruise und die „Obersalzberg-Nummern“, bei denen Hitler und das dritte Reich in den Büroalltag eines typischen bundesdeutschen Unternehmens versetzt werden...

M. M.: Beim „Obersalzberg“ gab es sehr viele Reaktionen. Wir hatten sogar die Bundesprüfstelle im Haus. Für jeden einzelnen Fall wird geprüft, ob das Satire ist oder vielleicht doch Verherrlichung nationalsozialistischen Gedankenguts. Aber wir sind immer ungeschoren davon gekommen.

Auch im Ensemble gab es unterschiedliche Meinungen. Ich selbst stehe zu der Nummer. Und ich finde es gut, dass man sich diesem wichtigen und immer noch aktuellen Thema auf satirischer Ebene nähert, es so auf neue Art wach ruft und nicht etwa tabuisiert und verschweigt.

M. S.: Haben Sie beim Dreh für „Switch“ eigentlich auch Ihre Geräte am Ohr?

M. M.: Wenn ich eine Perücke auf habe, die die Ohren weit genug bedeckt, geht das. Aber wenn ich Hörsysteme trage und eine Figur parodiere, die selbst keine Geräte trägt, würde es beim Zuschauer Irritationen geben.

M. S.: Und wenn Sie fernsehen? – Switchen Sie viel, um zwischen Volksmusikbarden und Top-Models irgendein erträgliches TV-Programm zu finden?

M. M.: Ich kann ganz gut auf Fernsehen verzichten. Bei schlechtem Wetter kann ich allerdings auch extrem viel gucken. Meine Lieblingssendungen – „Lost“, „Dr. House“, „Desperate Housewives“, „24 - Twenty Four“ oder „CSI“ - zeichne ich regelmäßig auf. Und wenn ich Lust habe, gucke ich schon mal vier, fünf Folgen hintereinander. Man hat dann nicht die Werbung; und wenn die Platte voll ist, werden die ältesten Aufnahmen eben gelöscht. Ich gucke schon gerne fern.

M. S.: Herr Müller, haben Sie vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

Der Artikel erschien ursprünglich in der Fachzeitschrift Hörakustik. „Switch reloaded“ erleben können Sie hier oder auch hier.

Fotos Nr. 4: ProSieben, Kai Schulz